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Festrede von Heiko Strunk zur Eröffnung der Festwoche ’10 Jahre lyrikline.org’

Posted in about us by Heiko Strunk on 26. October 2009
Eröffnung der Festwoche zu 10 Jahre lyrikline.org

gezett.de

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Sehr geehrte Frau Köhler,
Exzellenzen,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Freunde und Kollegen,

Lyrikline.org feiert 10. Geburtstag, und ich freue mich, dass mir dies die Gelegenheit gibt, zu Ihnen zu sprechen.

Die große Dichterin Inger Christensen hat gesagt, Sprache sei die natürliche Verlängerung der Welt. Jeder Mensch muss, ob er will oder nicht, sein Verhältnis finden zur äußeren Lebenswelt und dabei zugleich seinen inneren Haushalt in Ordnung bringen, ein Gleichgewicht schaffen, zwischen den emotionalen wie den geistigen, den rationalen wie den spirituellen Impulsen und Bedürfnissen.
Sprache ist dabei das entscheidende Mittel. Denn das Verhältnis des Menschen zur Welt realisiert sich über Sprache, und ohne Sprache ist auch die innere Strukturierung des Individuums kaum vorstellbar.

Poesie nun ist sowohl Gedächtnis der Sprache als auch ihr Struktur gebendes Element. Meine Tochter ist gerade zwei Jahre alt geworden, und ich höre täglich, wie mit dem Spracherwerb das Sprachspiel einhergeht. Worauf ich hinaus will ist, dass jeder Mensch mit Poesie aufwächst, in Form von Lautmalereien, Reimen, Wortspielen und Liedern.

Dass Poesie ein strukturierendes Mittel ist, das den Blick nach innen lenkt, darauf hat bereits die UNESCO bei der Einführung des Welttages der Poesie im Jahre 2000 nachdrücklich hingewiesen. Poesie, so heißt es, sei ein soziales Bedürfnis und ein gesellschaftliches Instrument, das im Besondern junge Menschen dazu anrege, sich den eigenen Wurzeln zuzuwenden. Poesie ist, wenn man so will, als Träger und Vermittler der oralen Tradition, Medium und Botschaft zugleich. Aus diesem Aspekt heraus sollte Poesie gesprochen und zu Gehör gebracht werden.
Es gibt noch einen weiteren:
Für Büchnerpreisträger Oskar Pastior war die Stimme der eigentliche Sinngenerator des Gedichts, mittels der Stimme wird deutlich, was das Gedicht zum Gedicht macht: Die lautlichen Strukturen treten hervor und kommen zum Tragen, Klang und Rhythmus. Auch für die französische Dichterin Michèle Métail ist der Vortrag die eigentliche Existenzform des Gedichtes; erst im Moment des Sprechens realisiert sich für sie das Gedicht.
Das ist der Grund, weshalb das Buch nicht das einzige Medium für Poesie sein kann, und weshalb Lyrik den medialen Doppelauftritt und einen eigenen Resonanzraum braucht. Genau das leistet lyrikline.org. Ich werde darauf zurückkommen.

Die UNESCO hat bei der Proklamation des Welttages der Poesie zugleich darauf aufmerksam gemacht, dass es in der heutigen Welt unerfüllte ästhetische Bedürfnisse gibt, die von der Poesie erfüllt werden könnten, wenn ihre gesellschaftliche Funktion für eine zwischenmenschlichen Kommunikation anerkannt würde.

Ist das in unseren Breiten der Fall? Wird den zeitgenössischen Dichtern vom Publikum oder in den Medien bereits die Aufmerksamkeit entgegengebracht, die ihnen gebührt?
Der Satz: „Deutschland ist das Land der Dichter und Denker“ stimmt sicherlich für die Produktion. Sinnvoll wird er aber erst, wenn die Dichter auch gelesen und gehört werden.

Aber es geht nicht nur darum, die mediale Aufmerksamkeit stärker auf die Poesie zu lenken, sondern darum, die Bedeutung ins Gedächtnis zu rufen, die der Poesie bei der Vermittlung menschlicher Werte und Ideen zukommt.

Und das ist eines der Anliegen von lyrikline.org. lyrikline.org ist heute ein Instrument, das wie kein zweites den Zugang zur internationalen Poesie möglich macht. Seit 10 Jahren vermittelt lyrikline.org Poesie auf eine sinnliche Weise im Internet: Gedichte zum Hören und zu Lesen – im Original und in der Übersetzung.

Ende 1999 hat die Literaturwerkstatt Berlin dieses Projekt initiiert, und ich möchte an dieser Stelle den Ideengeber und Spiritus rector nennen und ihm danken, ohne den es lyrikline.org nicht gäbe und der früh erkannt hat, was dieses neue Medium für die Poesie sein könnte. Viele im Raum wissen, ich rede von Thomas Wohlfahrt, dem Leiter der Literaturwerkstatt Berlin, der sich derzeit von einer Krankheit erholt und leider heute nicht hier sein kann.

Dank wechselnder Förderungen durch den Bund und das Land Berlin konnte sich lyrikline.org zu einer international sehr erfolgreichen Plattform für deutsche und internationale Poesie entwickeln. Deutsche Dichtung wird mittels lyrikline.org international wieder wahrgenommen, und umgekehrt, internationale Dichtung wird so in Deutschland zugänglich. Entstanden sind viele Brücken der Poesie zwischen den Sprachen und Kulturen und zugleich ein optimales Informationsmedium für Literaturinteressierte im In- und Ausland.
Was wir in dieser Woche feiern dürfen, ist nicht die Poesie allein, sondern all das, was damit einhergehend in den 10 Jahren erreicht wurde, und das ist das Netzwerk von Partnern in über 40 Ländern, die sich alle dieser einen Idee verpflichtet haben.
Diese Arbeitsebene ist die Basis für die Vielsprachigkeit, Stimmenvielfalt und für die Möglichkeit, diese sowohl im Original als auch in Übersetzungen zu rezipieren. Mit über 6600 Übersetzungen ist lyrikline.org zudem ein großes Übersetzungsprojekt und ohne die präzise Arbeit der Übersetzer ebenso undenkbar wie ohne die Dichter.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei unseren internationalen Partnern für das Vertrauen und die langjährige Zusammenarbeit bedanken. Bedanken möchte ich mich bei meiner Kollegin Isabel Ferrin-Aguirre, die seit drei Jahren für das internationale Netzwerk zuständig ist. Am Samstag werden nun Partner aus Finnland, Nigeria und Malawi dem Netzwerk beitreten.

Etliche unserer Partner, das sei explizit erwähnt, haben in diesem Jahr bereits ihrerseits das Jubiläum in ihrem Land begangen, so zum Beispiel in Serbien, Québéc, Kroatien, Griechenland, Slowenien, Mazedonien oder Ungarn.

Ich sprach zuvor davon, dass es wichtig sei, die lebenspraktische Relevanz ins Gedächtnis zu rufen, die die Poesie bei der Vermittlung menschlicher Werte und für die zwischenmenschliche Kommunikation besitzt.

Eine Relevanz, die William Carlos Williams vielleicht mit folgenden Versen zu erfassen suchte:

It is difficult
to get the news from poems,
yet men die miserably every day
for lack
of what is found there.

from “Asphodel, That Greeny Flower

Und ich bin überzeugt, dass in unserer globalen Welt diese Aufgabe des „Wiederentdeckens der poetischen Lebenshilfe“ einzig in einem internationalen Kontext realisiert werden kann. Diese Arbeit ist begonnen und wird beim internationalen Partnertreffen Ende dieser Woche weiter geführt.

Anlässlich unseres Jubiläums haben wir unsere Partner gebeten, uns mitzuteilen, was sie sich von der Politik für die Poesie und für lyrikline.org wünschen. Die Antworten lassen sich in drei Forderungen bündeln:

1) Das Netzwerk von lyrikline.org wünscht sich die langfristige Sicherung und eine kontinuierliche Förderung dieses internationalen Projektes, in das die Partner durch ihre Mitarbeit ebenfalls in erheblichem Umfang Arbeit, Energie, Wissen und Geld investieren.

2) Das Netzwerk von lyrikline.org fordert ganz praktisch, einigen internationalen Partnern durch die Bereitstellung von Aufnahmegeräten eine Teilnahme am internationalen Netzwerk von lyrikline.org zu ermöglichen. Einige Länder, z.B. aus Afrika,  hatten uns signalisiert, dass sie keine Möglichkeit haben, die Lesungen der Dichter aufzunehmen.

3) Das Netzwerk von lyrikline.org wünscht sich zudem gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die es möglich machen, dass die Dichter von ihrer Arbeit leben können.

Unser argentinischer Partner Daniel Samoilovic dreht hingegen die Frage, was Poesie von der Politik erwarten kann, einfach um: Nicht die Poesie bedarf der Hilfe, sondern der Rest der Welt. Nicht die Politik muss der Poesie helfen, sondern kann im Gegenteil von ihr lernen.

Ob Poesie per se nun, wie er behauptet, eine bessere Welt impliziert, können wir heute nicht abschließend klären.
lyrikline.org ist aber zumindest ein richtiger Weg in diese Richtung. Poesie MUSS wieder zurück ins zwischenmenschliche und gesellschaftliche Denken und Handeln, und darf nicht länger ihr Dasein als vernachlässigte Kunst fristen.
Prosa hat für sich eine wunderbare Verlagslandschaft geschaffen. Dort ist die Prosa zuhause und findet ihre Leser. Das Drama ist ohne Buch denkbar, hat es doch eine wunderbare Theaterlandschaft als Resonanzraum zur Verfügung. Lyrik, in der Verkaufsstatistik des Börsenvereins im Null-Komma-Bereich, hat als hybride Kunst, d.h. als zu hörende und zu lesende, eben keinen Resonanzraum zur Verfügung und ist aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden.

Und wenn Poesie nur in wenigen Editionen und kleinen Auflagen verlegt wird, dann trifft dies für Übersetzungen in anderen Sprachen umso mehr zu, und dann verwundert es auch nicht, dass das Land der Dichter und Denker über kaum einen zeitgenössischen Dichter verfügt, der international wirklich bekannt ist.

Auch hier ist politisches Handeln gefragt.

Gestatten Sie mir noch eine letzte Überlegung.
Wenn lyrikline.org ein Referenzpunkt im Netz darstellt, der auf internationaler Ebene poetische Kräfte sinnvoll zusammenbringt, müsste es nicht auf nationaler Ebene etwas Ähnliches geben? Einen Ort, der Poesie als eigenständige Kunst begreift und zugleich in Dialog setzt mit anderen Künsten wie Theater, Tanz, Musik, Malerei; ganz im Sinne von Eugène Delacroix, der in sein Journal schrieb: es gibt keine Kunst ohne Poesie.
Bräuchte es nicht ein Deutsches Zentrum für Poesie, das sich all der angesprochen Aufgaben annehmen kann? Unsere Vorschläge dafür liegen vor.

Anlässlich der heutigen Eröffnung der Festwoche haben wir einige neue Dichterstimmen eingestellt:
In der Edition ‚Das hörbare Erbe’ können Sie nun die Stimme von Hermann Hesse hören, in der Edition ‚Lyrik für Kinder’ die großartigen Illustrationen von Nadia Budde entdecken, und Afrika ist nicht allein mit neuen Stimmen aus Angola, Mosambik und Südafrika vertreten, sondern: mit Antjie Krog hat auch Afrikaans als 50. Dichtersprache Einzug gehalten.

Bevor wir nun beispielhaft ein Gedicht von Hermann Hesse hören, möchte ich mich bei allen  Kollegen für die Vorbereitung dieser Festwoche bedanken. Und bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Danke schön

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