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Dichtraum, Denkraum – Eröffnung durch Ursula Krechel

Posted in Autoren / poets, Dichtraum, Ursula Krechel by Heiko Strunk on 24. June 2011
Eröffnung Dichtraum, Denkraum. Foto: gezett

Eröffnung Dichtraum, Denkraum. Foto: gezett

Im diesjährigen poesiefestival berlin öffneten Dichter ihre Werkstatt und ließen sich im “Dichtraum, Denkraum” im U-Bahnhof Brandenburg Tor über die Schulter schauen. Passanten waren geladen zu kleinen Lesungen, zum selber Dichten, zu Aktionen und Performances. Dieses Projekt folgt einer Idee der Dichterin Ursula Krechel.

In den kommenden Tagen werden wir auf unserem Blog einige Impressionen der Dichter von Begegnungen und Erlebnissen im Dichtraum hier abbilden. Im folgenden kann man die Eröffnungsrede von Ursula Krechel am 17. Juni
2011 noch einmal nachlesen:

Liebe Freunde und Freundinnen der Poesie, liebe Mitdichter- und MitdenkerInnen unter vielleicht nervösen Bedingungen, sehr geehrte Frau Nikutta, lieber Thomas.

Dichten ist ein Denken mit anderen Mitteln. Gelenkiger. Freier, aber nicht regelloser. Das Gedicht ist in der Welt. Und möglichst viel Welt ist im Gedicht. Im Dichtraum, Denkraum zeigen 20 Dichter und Dichterinnen, wie sie denken und wahrnehmen und wie aus dem Gedachten Gedichte werden. Sie stellen sich der Leere, dem Unwägbaren, aus dem das Gedicht kommt. Sie stellen das mögliche, das im Entstehen begriffene Gedicht aus. Das sind nicht die Leute im stillen Kämmerlein, weltabgewandt. Eine Visitenkarte haben sie schon abgegeben, von allen 20 kann man in der U-Bahn im „Berliner Fenster“ einen Vierzeiler lesen.

Dichtraum, Denkraum ist eine Installation, in der man einen Dichter, eine Dichterin beobachten und zu bestimmten Sprechzeiten“ auch aufsuchen kann. Der eine wird den Raum zur vollkommenen Konzentration nutzen und zeigen: ein Dichter ist niemand, der etwas verkaufen möchte an seinem Kiosk. Er zeigt eine Haltung zur Welt, die innen und außen zugleich ist. Eine andere wird die Reibung suchen, sich von dem umgebenen Raum, den Zuhörern inspirieren lassen. Wieder ein anderer stellt die Abwesenheit des Autors bei dauernder Anwesenheit eines Textes dar. Es ist dies die erste poetische Installation, von der ich weiß.

Ich habe das Konzept dazu im Frühjahr 2007 an Thomas Wohlfahrt geschickt, er hat es wohlwollend aufgenommen und nicht zu den Akten gelegt, denn in jenem Jahr fehlte das Geld, wie im folgenden Jahr, wie im folgenden Jahr. Und als es in diesem Jahr plötzlich grünes Licht gab, schien es mir gar nicht mehr wahr oder noch in unglaublich weiter poetisch blauer Sommerferne. Also zurück auf null und in ein dauerndes, prickelndes Jetzt springen, die Wahl treffen für diesen spektakulär gelegenen Ort, zwischen den Zeiten der deutsche Geschichte, zwischen Oben und  Unten an diesem historischen 17. Juni, der immer im Gedächtnis mit dem Aufstand der vielen verbunden bleibt. Eine Wahl für eine erhellende, durchlässige Öffentlichkeit, für die Transparenz, auch die, transzendentale Obdachlosigkeit der Moderne. Doch unser Dach ist dicht, betondicht, wasserdicht, Schienen unter uns, und wir sind dank der BVG, dank der Stiftung Berliner Mauer, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben, gut vernetzt. Sie sehen es in aller Sinnlichkeit auf engem Raum an unserem Kabelkanal. Es ist ein solcher historischer Ort, dass einem fast die Knie zittern könnten, wenn diese das poetische, seismographisch ortende Organ wären. Aber sie sind es ja nicht, sie bleiben schön unter dem Tisch. Sie konkurrieren um die schönsten Plätze, an denen die menschliche Seele angesiedelt sein könnte, und wenn sie zittern, haben sie wirklich gute Chancen bei dieser Konkurrenz des Empfindsamen.

Ich erinnere mich gut, daß ich in den Semesterferien 1970, nachdem ich lange Briefwechsel mit beiden Berliner Akademien hatte, wo ich das geeignetste Material für meine Dissertation finden könnte, mich in der Akademie Ost zum Forschen anmeldete. Nach einem kurzen Gespräch am Robert-Koch-Platz wurde ich hierhin in eine Wüstenei, ins Leere geleitet, wo mit einem Trampelpfad gerade noch ein Teil der alten Akademie — der heute in die  gesamtdeutsche Akademie integrierte Saal und das Theaterarchiv —zu benutzen war. Und da saß ich, ausgestattet mit einem Brief, daß ich für die DDR eine nützliche Forschung betriebe, was sehr zweifelhaft war, aber mir das Anstehen bei den Grenzkontrollen etwas verkürzte. So kam ich täglich mit der S-Bahn vom Bahnhof Zoo zur Öffnungszeit des Archivs, fuhr zur Friedrich-Straße, und je weiter es nach Westen unter den Linden ging, das ist heute unvorstellbar, um so stiller, ausgeräumter war es. Todesstreifen und Trampelpfad, den man mit einem Benutzerausweis des Archivs der Akademie betreten konnte, und dann umhüllte einen die unheimliche, archivalische, kühle Stille, auch im Sommer. Betörende Stille der Mauer, Grenzsoldaten und Kaninchen waren die einzigen Zeugen meiner Anwesenheit. Stille, an die die heute dauernde Festtagsfreude, der Touristentrubel kaum noch denken läßt. Daß aus dieser kalten Kriegsstille, dieser tödlichen Stille einmal ein Produktionsort von Phantasie und Denken würde, wer hatte das glauben wollen.

Wer Gedichte schreibt, ist in Bewegung. Das Gedicht selbst ist Bewegung, Rhythmus, es hat keinen Gegenstand, es ist selbst ein Gegenstand, der sich erst bildet beim genauen Hinsehen, Hinhören, Lesen. Ein sich Ballen, sich Zusammenziehen, eine sich sammelnde und wie ein Magnetfeld ausrichtende Energie, deren Herkunft, deren Wirkmechanismen nur mühsam eruiert werden können. Solange sich niemand für diesen Gegenstand erwärmt, bleibt er starr, abgelöst. Seine fließende Energie, dem sich der Autor aussetzt, die er befeuert, der er Einhalt gebietet in einem stillschweigenden Maßnahmenkatalog, ist rätselhaft. Alle Wörter, alle Laute sind möglich, man muß nur wählen und ihnen einen Raum, einen Platz geben. Schreibend, montierend, kontrollierend schaut der Autor ihnen zu, wie sie sich aneinanderreiben, wie sie es treiben, wie sie miteinander kämpfen. Das ist der Produktionsprozeß des Gedichts, den wir für eine Woche offen machen, wie das Tor, das verschlossene, offen wurde.

Ich danke Günter Fischer, der das Projekt organisatorisch begleitet hat und den Technikern der Literaturwerkstatt und der Akademie der Künste für die praktische Umsetzung.

Damit eröffnen wir den Dichtraum, Denkraum.

Eröffnung Dichtraum, Denkraum. Foto: gezett

Eröffnung Dichtraum, Denkraum. Foto: gezett

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