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Dichtraum, Denkraum – Ursula Krechel

Posted in Autoren / poets, Dichtraum, Ursula Krechel by Heiko Strunk on 6. July 2011
Auf dem Weg zum Dichtraum, Denkraum im U-Bahnhof Brandenburger Tor. Foto: gezett

Auf dem Weg zum Dichtraum, Denkraum im U-Bahnhof Brandenburger Tor. Foto: gezett

Am 24.6. wurde mit dem poesiefestival berlin auch der Dichtraum, Denkraum im U-Bahnhof Brandenburger Tor beschlossen. Die letzte Schicht hatte die Ideengeberin Ursula Krechel, die dort auch bereits am 20.6. mit ihrer dichterischen Arbeit vertreten war. Aus ihrer Zeit im Dichtraum, Denkraum ist eine ganze Reihe neuer Gedichte hervorgegangen.

In das erste Gedicht floss auch der historisch bedeutende Ort des Brandenburger Tor ein, an dem sich die Dichter des Dichtraum, Denkraum die Woche über befanden.

Unverwüstet

Hier ist die Grenze, über die zu gehen

nicht war, hier ist die Grenze, über die

Schweigen gebreitet, Gras gewachsen

hier ist, was gewesen, Grenze nicht mehr.

Hier ist die Grenze imaginiert, verstört

über die gegangen werden, bewegt, beliebt

über die zu gehen jetzt nicht mehr

der richtige Augenblick, gab es den jemals

oder nie— nicht der je gebotene Augenblick

gegangen zu sein, doch für jedes Sensorium

Gras gewachsen, Beton gegossen, gebieterisch

Gebietsverlust, Gesichtsverlust, Blutverlust

Hier ist die Grenze, die grenzenlos nicht war

hier ist die Grenze, die Lärmgrenze, der Raum

der tot gewesen, tot nicht geblieben ist

der schallt, hallt (Schwimmbad) und tobt.


Die Ideengeberin Ursula Krechel im Dichtraum, Denkraum. Foto: gezett

Die Ideengeberin Ursula Krechel im Dichtraum, Denkraum. Foto: gezett


Weiteres Resultat ist ein Gedichtzyklus, der in Teilen in gemeinsamer Arbeit mit dem Publikum entstand. 


Fahrbereitschaft

I

Auch Personen, die ungefragt „ich“ sagen, sind zu befördern

Fluglinien wie Sesselbahnen bauen Unregelmäßigkeiten vor

kurzzeiterhitzte Gerichte, kategorische Freundlichkeit, schon

die Übertretung einer Zeile wie das Nichtanlegen des Gurtes

Schaukeln im Sitz der Sesselbahn und chron. Alkoholmißbrauch

sowie Seufzerbrückenhangover sind dringlich zu unterlassen.

Wie riecht es hier? Das muß Xylamon sein, gegen Kakerlaken

sie gefährden Komfort und Sicherheit der anderen Passagiere

behindern frei flukturierendes Wohlbefinden, Schulklassen sind

gesondert zu befördern auf verpflichtend begleiteten Leerfahrten.

Wenn Schmerz aus unerfindlichen Gründen eintritt bei Nebel

Stromausfall stört er den Betrieb der Sesselbahn, Generator stumm

riecht es nach Kaffee oder Pommes oder ist es doch nur Mief

wenn Unregelmäßigkeiten, Katastrophenkerne— fehlt es an allem

Scheuklappen und Lüftungsschätze, Bergungsreden, Verbeugungen

plastische Repliken, bis Schmerz kommt und geht wie Angst

fahrscheinlose Fahrten, Umsteigen unerwünscht, Aufatmen

kein Kontrolleur ist gekommen und was hervorkriecht atemlos

millimeterweise auf der Rolltreppe und zu verschwinden gezwungen

Kontraktionen von Personen ohne Konzession sind zu vermeiden.*

 

II

Zweimal öffnete sich der Morgen

zweifach öffneten sich die Schiebetüren

dreimal bin ich nicht aufgesprungen

Krähen schrien so laut, und das nicht

nur mehrmals, in Haut, Sehnen und Federn

geschlüpft, wie Vorhut, Schlendern

Fraglosigkeit, ein fiktives Personenregister.


III

Gelangweilte U-Bahn-Passagiere sind sie, verlangen nach

Vulkanausbrüchen, schweren Kalibern, Feuersbrünsten

im Fernsehen (oder im Berliner Fenster?), zuhause in Spandau

horten sie Kaminholz, Bohnen und Reis wie Versicherungen

landen rücklings auf Flohmärkten, ersteigern sandige Ländereien

verzehren sich nach Lustmomenten, Wutausbrüchen, Larifari

lästern über andere Leute, die immer das gleiche Laster wie sie

lausige Heckenscherer, Obstklauer und gründliche Schluckspechte

trinken aus Pappbechern Kaffee in der U-Bahn, Rolltreppenschubser

zerreißen sich das Maul über arme Schlucker, die wiederum sie

scheel ansehen, zu statisch, stabil, beamtet, gekettet an Häuser

und Fleischtöpfe, Dichtraum, Denkraum (DDR), die sie links liegen

ließen um- und umgerührt (ungerührt) haben verdampfen lassen

in einer schleimigen Spur, wo Leben entlangläuft wie ein Rinnsal. *


IV

Leute brechen auf

Denkausflüge, reisen

in vollen Zügen

kommen nach Haus

wie andere auch

Leute entkleiden sich

baden und schäumen

sagen „ich“ zu sich

wie andere auch

Leute löschen das Licht.


V

Zeitungsstapel eine Wegzehrung für sonntägliche Leerfälle

eiserne Ration an Nachrichten, Geraschel mit Wissenswertem

eingeschlossen in die älteste Gesteinsschicht des Mondes

Trümmerschicht der Stadt und eine Verkehrsanbindung der Ehe

an Informationsflüsse, an heiße Tage und Menschenferne.

Ob Kanäle zu überqueren sind, Schluchten, gebuckelte Höhenzüge

parkwächterfreie Zonen mit Grillwiesen, gegitterte U-Bahn-Schächte:

das Gedächtnis des Auges hungert nach festen Formationen

Gleisen, Rolltreppen, Informationsständen ohne Parteizugehörigkeit

who is who, und was darüber hinaus. Auf diese Weise werden Empfinden

und Augen geschärft wie japanische Küchenmesser (in der Scheide)

sehen gleichgültig wie Knochen. Doch das mittelalterliche Paar

dort auf der Bank vor der S-Bahn-Station Mexiko-Platz (Schlachtens.)

redlich teilt es die Wochenendausgabe, Wirtschaft gleich in den Müll

Kultur und Politik in der Mitte der Bank, Wissenschaftsseite flatternd

der Rest nach Neigung in ihre Hand oder in seine, die zittert leicht

blaues Wetter und ihre Bluse gepunktet, vom Wind verflattert

ruhiges Einverständnis, auf dem Rasen breitgetretene Hundewurst. *


VII

Bitte in Bussen und Bahnen den Busen nicht entblößen!

Entsteht Personenschaden oder unsachgemäße Verschmutzung:

Ihr Putzteam dankt. Gerne bedienen wir Sie außer der Reihe.

In Nachtbussen wiederum gelten andere Regeln, Fahrer

sind gesprächsbereit, tagsüber auch, doch nur an Haltestellen.

In manchen Stadtteilen geht man noch kegeln (Tegel?), Touristen

freuen sich sehr über einen lebendigen Berliner Bär.

Bedienen Sie sich. Bedient der Kiosk Gäste oder Schienen?

Reicht der Ersatzverkehr hinlänglich ans Meer? Ostseepfütze

in mondlosen Nächten wie in U-Bahn-Schächten verdunkeln

die Schwärme, Schläfen sind ruhig gestellte Gedankenhäfen

angebunden ans JWD mit Flieder und Landebahnerweiterungen.

Sagen Sie, kann man in Bussen und Bahnen Ehen anmahnen?

Am U-Bahnhof Wedding wird jeder Heiratswunsch erfüllt.*

IX

Leute, gerade noch pünktlich aus dem Leben gefallen

wedeln mit Tickets, Pässen und rein ins Fluchzeuch

rammen die Rollenkoffer in anderer Leute Rippen

bohren Ellenbogen ins Weiche der Sitzpolster

stürzende Tomatensaftbecher, frisch geprüfte

Nichtraucher, Raucher haben schon Verzicht geleistet

auf — Kampf um Armlehnen, Zeitungen breit gefächert

1. Klasse-Kleiderbügel, Neid auf Nackenkissen, Decken

könnten sich in‘n Arsch beißen (die Nagelschere weg)

stinksauer über Leute, die sich wieder nicht im Griff.

In Waschräumen seifige Entspannung der Fingerkuppen

Wasserfälle rauschen in den Stirnhöhlen, Migräne —

Sind es Muscheln, in denen eine Venus kleinklein

vielleicht nach Jamaika fliegt, wo sie einen Freund

naja — Ablagerung aus einer entfernten Formation

Urlaub, Sonnenöleinreibung, Sand in den Zähnen

angeschnallt das Nachlassen des Drucks erwarten

und dann die Uhr umgestellt, Tropenzeit morgens. *


XIl

Ich ging unter Leute

Leute gingen mit mir

Leute übergingen mich.

Ich ging nicht unter.

Gingen Sterne auf?

Nicht oder allerdings?

*geschrieben zusammen mit Gästen im Dichtraum, Denkraum



One Response

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  1. MaRoMo said, on 15. August 2011 at 10:51

    reglos

    Keinen Schritt hätte ich weitergehen sollen.
    Das wusste ich,
    Aber die Kante war verlockend, der Abendwind im Rücken und der Himmel frei vor mir.

    Dieser grosse Sog ins Freie
    Lässt sich nicht zähmen, nicht falten, zerkleinern oder sonst
    Verstauen.

    Dann lag ich da und brauchte Dich.
    Das ganze Gebirge beugte sich über mich, aber ich brauchte Dich.
    Nur Dich.
    Die Stadt lag im Schatten, die Menschen waren müde und Dich gab es nicht mehr.
    Man hatte Dich vergessen, in der Schuhschachtel, unter dem Regal im Keller.
    Du hörst den Gesang der freien Vögel, aber sie meinen nicht dich , sie meinen keinen,
    Meinen sie überhaupt ?

    Gibt es Dich, anderswo als in meiner Reglosigkeit ?


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