Dichtraum, Denkraum – Ursula Krechel
Am 24.6. wurde mit dem poesiefestival berlin auch der Dichtraum, Denkraum im U-Bahnhof Brandenburger Tor beschlossen. Die letzte Schicht hatte die Ideengeberin Ursula Krechel, die dort auch bereits am 20.6. mit ihrer dichterischen Arbeit vertreten war. Aus ihrer Zeit im Dichtraum, Denkraum ist eine ganze Reihe neuer Gedichte hervorgegangen.
In das erste Gedicht floss auch der historisch bedeutende Ort des Brandenburger Tor ein, an dem sich die Dichter des Dichtraum, Denkraum die Woche über befanden.
Unverwüstet
Hier ist die Grenze, über die zu gehen
nicht war, hier ist die Grenze, über die
Schweigen gebreitet, Gras gewachsen
hier ist, was gewesen, Grenze nicht mehr.
Hier ist die Grenze imaginiert, verstört
über die gegangen werden, bewegt, beliebt
über die zu gehen jetzt nicht mehr
der richtige Augenblick, gab es den jemals
oder nie— nicht der je gebotene Augenblick
gegangen zu sein, doch für jedes Sensorium
Gras gewachsen, Beton gegossen, gebieterisch
Gebietsverlust, Gesichtsverlust, Blutverlust
Hier ist die Grenze, die grenzenlos nicht war
hier ist die Grenze, die Lärmgrenze, der Raum
der tot gewesen, tot nicht geblieben ist
der schallt, hallt (Schwimmbad) und tobt.
Weiteres Resultat ist ein Gedichtzyklus, der in Teilen in gemeinsamer Arbeit mit dem Publikum entstand.
Fahrbereitschaft
I
Auch Personen, die ungefragt „ich“ sagen, sind zu befördern
Fluglinien wie Sesselbahnen bauen Unregelmäßigkeiten vor
kurzzeiterhitzte Gerichte, kategorische Freundlichkeit, schon
die Übertretung einer Zeile wie das Nichtanlegen des Gurtes
Schaukeln im Sitz der Sesselbahn und chron. Alkoholmißbrauch
sowie Seufzerbrückenhangover sind dringlich zu unterlassen.
Wie riecht es hier? Das muß Xylamon sein, gegen Kakerlaken
sie gefährden Komfort und Sicherheit der anderen Passagiere
behindern frei flukturierendes Wohlbefinden, Schulklassen sind
gesondert zu befördern auf verpflichtend begleiteten Leerfahrten.
Wenn Schmerz aus unerfindlichen Gründen eintritt bei Nebel
Stromausfall stört er den Betrieb der Sesselbahn, Generator stumm
riecht es nach Kaffee oder Pommes oder ist es doch nur Mief
wenn Unregelmäßigkeiten, Katastrophenkerne— fehlt es an allem
Scheuklappen und Lüftungsschätze, Bergungsreden, Verbeugungen
plastische Repliken, bis Schmerz kommt und geht wie Angst
fahrscheinlose Fahrten, Umsteigen unerwünscht, Aufatmen
kein Kontrolleur ist gekommen und was hervorkriecht atemlos
millimeterweise auf der Rolltreppe und zu verschwinden gezwungen
Kontraktionen von Personen ohne Konzession sind zu vermeiden.*
II
Zweimal öffnete sich der Morgen
zweifach öffneten sich die Schiebetüren
dreimal bin ich nicht aufgesprungen
Krähen schrien so laut, und das nicht
nur mehrmals, in Haut, Sehnen und Federn
geschlüpft, wie Vorhut, Schlendern
Fraglosigkeit, ein fiktives Personenregister.
III
Gelangweilte U-Bahn-Passagiere sind sie, verlangen nach
Vulkanausbrüchen, schweren Kalibern, Feuersbrünsten
im Fernsehen (oder im Berliner Fenster?), zuhause in Spandau
horten sie Kaminholz, Bohnen und Reis wie Versicherungen
landen rücklings auf Flohmärkten, ersteigern sandige Ländereien
verzehren sich nach Lustmomenten, Wutausbrüchen, Larifari
lästern über andere Leute, die immer das gleiche Laster wie sie
lausige Heckenscherer, Obstklauer und gründliche Schluckspechte
trinken aus Pappbechern Kaffee in der U-Bahn, Rolltreppenschubser
zerreißen sich das Maul über arme Schlucker, die wiederum sie
scheel ansehen, zu statisch, stabil, beamtet, gekettet an Häuser
und Fleischtöpfe, Dichtraum, Denkraum (DDR), die sie links liegen
ließen um- und umgerührt (ungerührt) haben verdampfen lassen
in einer schleimigen Spur, wo Leben entlangläuft wie ein Rinnsal. *
IV
Leute brechen auf
Denkausflüge, reisen
in vollen Zügen
kommen nach Haus
wie andere auch
Leute entkleiden sich
baden und schäumen
sagen „ich“ zu sich
wie andere auch
Leute löschen das Licht.
V
Zeitungsstapel eine Wegzehrung für sonntägliche Leerfälle
eiserne Ration an Nachrichten, Geraschel mit Wissenswertem
eingeschlossen in die älteste Gesteinsschicht des Mondes
Trümmerschicht der Stadt und eine Verkehrsanbindung der Ehe
an Informationsflüsse, an heiße Tage und Menschenferne.
Ob Kanäle zu überqueren sind, Schluchten, gebuckelte Höhenzüge
parkwächterfreie Zonen mit Grillwiesen, gegitterte U-Bahn-Schächte:
das Gedächtnis des Auges hungert nach festen Formationen
Gleisen, Rolltreppen, Informationsständen ohne Parteizugehörigkeit
who is who, und was darüber hinaus. Auf diese Weise werden Empfinden
und Augen geschärft wie japanische Küchenmesser (in der Scheide)
sehen gleichgültig wie Knochen. Doch das mittelalterliche Paar
dort auf der Bank vor der S-Bahn-Station Mexiko-Platz (Schlachtens.)
redlich teilt es die Wochenendausgabe, Wirtschaft gleich in den Müll
Kultur und Politik in der Mitte der Bank, Wissenschaftsseite flatternd
der Rest nach Neigung in ihre Hand oder in seine, die zittert leicht
blaues Wetter und ihre Bluse gepunktet, vom Wind verflattert
ruhiges Einverständnis, auf dem Rasen breitgetretene Hundewurst. *
VII
Bitte in Bussen und Bahnen den Busen nicht entblößen!
Entsteht Personenschaden oder unsachgemäße Verschmutzung:
Ihr Putzteam dankt. Gerne bedienen wir Sie außer der Reihe.
In Nachtbussen wiederum gelten andere Regeln, Fahrer
sind gesprächsbereit, tagsüber auch, doch nur an Haltestellen.
In manchen Stadtteilen geht man noch kegeln (Tegel?), Touristen
freuen sich sehr über einen lebendigen Berliner Bär.
Bedienen Sie sich. Bedient der Kiosk Gäste oder Schienen?
Reicht der Ersatzverkehr hinlänglich ans Meer? Ostseepfütze
in mondlosen Nächten wie in U-Bahn-Schächten verdunkeln
die Schwärme, Schläfen sind ruhig gestellte Gedankenhäfen
angebunden ans JWD mit Flieder und Landebahnerweiterungen.
Sagen Sie, kann man in Bussen und Bahnen Ehen anmahnen?
Am U-Bahnhof Wedding wird jeder Heiratswunsch erfüllt.*
IX
Leute, gerade noch pünktlich aus dem Leben gefallen
wedeln mit Tickets, Pässen und rein ins Fluchzeuch
rammen die Rollenkoffer in anderer Leute Rippen
bohren Ellenbogen ins Weiche der Sitzpolster
stürzende Tomatensaftbecher, frisch geprüfte
Nichtraucher, Raucher haben schon Verzicht geleistet
auf — Kampf um Armlehnen, Zeitungen breit gefächert
1. Klasse-Kleiderbügel, Neid auf Nackenkissen, Decken
könnten sich in‘n Arsch beißen (die Nagelschere weg)
stinksauer über Leute, die sich wieder nicht im Griff.
In Waschräumen seifige Entspannung der Fingerkuppen
Wasserfälle rauschen in den Stirnhöhlen, Migräne —
Sind es Muscheln, in denen eine Venus kleinklein
vielleicht nach Jamaika fliegt, wo sie einen Freund
naja — Ablagerung aus einer entfernten Formation
Urlaub, Sonnenöleinreibung, Sand in den Zähnen
angeschnallt das Nachlassen des Drucks erwarten
und dann die Uhr umgestellt, Tropenzeit morgens. *
XIl
Ich ging unter Leute
Leute gingen mit mir
Leute übergingen mich.
Ich ging nicht unter.
Gingen Sterne auf?
Nicht oder allerdings?
*geschrieben zusammen mit Gästen im Dichtraum, Denkraum



reglos
Keinen Schritt hätte ich weitergehen sollen.
Das wusste ich,
Aber die Kante war verlockend, der Abendwind im Rücken und der Himmel frei vor mir.
Dieser grosse Sog ins Freie
Lässt sich nicht zähmen, nicht falten, zerkleinern oder sonst
Verstauen.
Dann lag ich da und brauchte Dich.
Das ganze Gebirge beugte sich über mich, aber ich brauchte Dich.
Nur Dich.
Die Stadt lag im Schatten, die Menschen waren müde und Dich gab es nicht mehr.
Man hatte Dich vergessen, in der Schuhschachtel, unter dem Regal im Keller.
Du hörst den Gesang der freien Vögel, aber sie meinen nicht dich , sie meinen keinen,
Meinen sie überhaupt ?
Gibt es Dich, anderswo als in meiner Reglosigkeit ?