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Ulf Stolterfoht zum Stellenwert der Poesie heute

Posted in Autoren / poets, Ulf Stolterfoht by Heiko Strunk on 19. March 2010

Heute, Mitte März 2010, können im gesamten deutschsprachigen Raum genau 4 (vier) DichterInnen von ihrer Lyrik leben (Namen auf Anfrage). Diesen Vieren also gelingt es, die verbliebene poetische Nachfrage komplett abzudecken. Was darüber hinaus von Nebenerwerbs- und Hobbylyrikern produziert wird, geschieht jenseits irgendeines Bedarfs. Das wäre nun alles gar nicht schlimm, nur gerät so jeder poetologische Versuch automatisch zu einer gesellschaftlichen  Zustandsbeschreibung. Es werden wahrscheinlich weiterhin Gedichte geschrieben werden, allerdings werden wir keinen gemeinsamen Begriff mehr davon haben, was ein Gedicht ist oder sein könnte. Wittgensteins Käfer. Solipsismus und/oder Hartz IV. Dazu dann auch noch das schreckliche Berliner Bier.

Ulf Stolterfoht, Deutschland

– – –

Today, the middle of March 2010, exactly 4 (four) poets in the German-speaking world are able to live from their verse alone (names on request). These four therefore succeed in supplying all remaining poetic demand. All that is being produced besides that, from hobby and part-time poets, is being produced beyond what is needed.  That in itself would not be so bad if it didn’t mean that every attempt at an individual poetic statement automatically leads to a description of contemporary society. Poems will probably be continued to be written, although we will no longer have a common definition of what a poem is or could be. Wittgenstein’s “Beetle”. Solipsism and/or HARTZ IV. And in addition, the horrible Berlin beer.

Ulf Stolterfoht, Germany

[Translated by Rebecca Bartusch/Marisa Pettit]

Ulf Stolterfoht on lyrikline.org

9 Responses

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  1. Juliane said, on 21. March 2010 at 10:49

    Mich würde ja schon interessieren, wer die 4 (vier) sind!
    Dazu muss man wahrscheinlich direkt mit Herrn Stolterfoht in Kontakt treten?
    Mit dem Bier hat er auch sehr recht.

  2. Maik Lippert said, on 1. April 2010 at 10:06

    Ist mir nach dem Lesen von Ulf Stolterfoht “Zum Stellenwert der Poesie heute” spontan eingefallen. Vielleicht nicht (oder noch nicht?) die große Tiefenlyrik, aber ich bin ja nach Stolterfohts Klassifikation auch nur Nebenerwerbslyriker:

    DAS GLÜCK MEINES SOHNES
    Sind Rundumleuchten
    An Autos
    Glücklich ruft er Tatütata
    Baustellen und Bohrmaschinen
    Interessieren ihn
    Bücher nur vor dem Abdrücken
    Auf dem Topf
    Glück gehabt
    Das wird mal kein Literat
    Der an jeder nicht gedruckten Zeile leidet
    Er wird ein Regal an der Wand anbringen
    Und einfach sagen können
    Sieh mal wie schön
    Selbst gemacht

  3. Martin Winter said, on 20. April 2010 at 13:22

    Würde gerne mal mit Heiko Strunk, Juliane und Ulf Stolfterfoht im Biergarten am Schleusentor zwischen Tiergarten und Zoo in Berlin ein Bier trinken. Ulla Hahn vielleicht. Gibt es da eine offizielle Einkommensliste? Wolf Wondratschek vielleicht doch nicht, Wien ist teuer, und zu seiner Lesung im Konzerthaus voriges Jahr sind leider auch nicht gar so viele gekommen. Goethe und Brecht konnten wahrscheinlich auch nicht von ihren Gedichten leben. Goethe war Jurist und Regierungsmitglied. Brecht hat von seinen Stücken gelebt, an denen auch immer seine Freundinnen mitgeschrieben haben, nicht wahr? In China soll es in den 80er Jahren viele neue Zeitschriften und viel Bedarf für neue Gedichte gegeben haben. Hong Ying erzählt gerne davon, wie sie ihr erstes Gedicht verkaufte und dafür mit einer Freundin etwas trinken ging. “Angenommen, es hätte jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir “Käfer” nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Anderen schauen, und jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. […] Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel, auch nicht einmal als ein Etwas, denn die Schachtel könnte auch leer sein” (Wittgenstein, Philosoph. Untersuchungen). Konne Elfriede Gerstl von ihren Gedichten leben? Vielleicht, aber sie hat auch Stücke und Hörspiele geschrieben. Kann Robert Schindel von seinen Gedichten leben, um bei den Österreichern zu bleiben? Der Roman und die Essays haben sicher geholfen, und auch die Verfilmung des Romans. Die Frage, ob überhaupt jemand von seinen Gedichten leben kann, ist auf jeden Fall ein anregender Beitrag. Wie das mit dem Bier. Als der Chang Jiang (Jangtse) noch nicht so aufgestaut war, sind wir mal mit dem Schiff von Chongqing nach Nanjing gefahren. An jeder Anlegestelle kaufte ich eine Flasche Bier. Meistens waren sie warm. Aber wenigstens waren es lokale Biersorten, nicht irgendein verwässertes Carlsberg oder Budweiser. Naja.

    • Juliane said, on 20. April 2010 at 14:37

      Wann bist du denn mal wieder in Berlin, Herr Winter? Da am Schleusentor war ich noch nie ein Bier trinken.

      • Martin Winter said, on 22. April 2010 at 10:34

        Soll ich jetzt Frau Juliane sagen? Ich war auch noch kein Bier trinken dort, bin nur vorgeigefahren mit einem geliehenen Fahrrad, vor der Lesung zum Weltgebetstag der Poesie. Die Vietnamesen im Shop mit den Fahrräderen haben mich kaum verstanden, vielleicht wegen meines Wiener Akzents. Weiss noch nicht, wann ich wieder hinkomm. Gib mir deine Email, wenn du willst, meine ist mading2002@hotmail.com. Die Frage, ob man von Versen leben können soll, scheint hier auf jeden Fall anregend zu wirken, für eine virtuelle Bierstunde oder so. Maik Lippert hat mit einem schönen Gedicht geantwortet. Mich inspiriert mein kleiner Sohn auch immer wieder. Wofür sind Gedichte da? Ist das eine ähnliche Frage, gehört die dazu? Hier der Anfang aus Robert Schindels “Die Wörter im Futter”: Jetzt muss ich durch den Rübenacker gehen/ Dawo ich Rüben nicht und nicht kann leiden/ Jetzt muss ich von den Kirschengärten scheiden/ Dawo ich scheiden muss kann ich das, kanns nicht leiden// Sondern der Regen Kyrie juchhei/ Ist immer dabei.//
        Wofür hab ich das jetzt zitiert? Oder eins von Elfriede Gerstl, “demokratische freiheit// endlich/ können die proletarier aller länder/ fastfood und cola/ kaufen/ wie mr. rockefeller und mr. trump”
        Hier stellt sich gar keine Frage nach dem Wofür. Oder?
        Und noch eine kleine Übersetzung von heute, nur so für mich:

        Фёдор Сологуб

        Я — бог таинственного мира,
        Весь мир в одних моих мечтах,
        Не сотворю себе кумира
        Ни на земле, ни в небесах.

        Моей божественной природы
        Я не открою никому.
        Тружусь, как раб, а для свободы
        Зову я ночь, покой и тьму.
        28 октября 1896

        Fjodor Sologub – 28. Oktober 1896

        ich bin ein gott einer welt im geheimen,
        die ganze welt ist in einem meiner traeume,
        und nichts wird zum idol mir werden
        weder im himmel, noch auf erden.

        und meine goettliche natur
        hab ich nicht zugaenglich gemacht.
        ich werk als knecht, fuer freiheit nur
        ruf ich die ruh, die tiefe nacht.

        MW Uebers. April 2010

        So, das war genug Bier für diesmal, oder? Tzara te vrea prost! Also wie gesagt, wenn ich wieder dort bin, gerne. Weiß halt noch nicht wann. Ciao!

  4. hans oberhuber said, on 5. May 2010 at 20:33

    ich war schon mal im schleusenkrug. mit lauter österreichern. und ich kenne einen der vier, die von ihren gedichten leben können. nämlich wolf martin. auch ein österreicher. und was für einer. deswegen: hoch das bier auf alle dichter, die nicht vom dichten leben können.

  5. Martin Winter said, on 15. June 2010 at 13:10

    Danke. Hier noch ein Gedicht:

    oesterreicher (innen)

    (bei der lektuere von bernhard brauns nachtfurt)

    die geschmaecker sind verschieden
    meiner ruhet auch in fried
    meiner ruhet auch in jandl
    meiner gruendet auch in gerstl
    und in lobe noestlinger
    mikura und mayroecker
    und in schindel und so fort

    MW Juni 2010

    und noch ein kleines garstiges:

    (st)
    rache
    (vorschlag)

    gebt ihm das was alle wollen
    einen porsche einen grabstein
    und noch ganz ganz viel respekt

    MW Juni 2010

  6. Mark said, on 21. March 2014 at 17:40

    Aijaijai, mir sagt wieder keiner was. Ich habs verpasst und überhaupt erst HEUTE im Radio von Ulf Stolterfoht erfahren!


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