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Poesie und Performance (1) – UNESCO-Welttag der Poesie 2016 auf lyrikline

Posted in Uncategorized by lyrikline on 15. March 2016

poetry and p

Stimmband und Tonband, Autor und Sprecherin, Wasserglas und Stimmverzerrer: Im Vorfeld des UNESCO-Welttag der Poesie widmet sich lyrikline eine Woche lang dem Themenfeld Poesie und Performance. Wir beginnen mit theoretischen Überlegungen zur Performance und ihren Rezipientinnen und steigern uns über Studioaufnahmen bis zu multimedialen Dichterlesungen. Ein Beitrag zu den laut-starken Sound-Poetry Performern und der Welttag der Poesie am 21. März sollen schließlich den Auftakt für ein weiteres Jahr voller Staunen und Hören bilden. 

Zusätzlich zu Clips, Text und Bild finden sich zu jedem Beitrag Hörbeispiele in Form von Playlists, die ausgewählte lyrikline-Poetinnen zum Thema erklingen lassen.

>>> [a playlist for World Poetry Day 2016] live performances

Bis zum Welttag werden auf lyrikline zudem täglich Dichter vorgestellt, deren eingesprochene Gedichte zu diesem Anlass neu auf lyrikline veröffentlicht werden. Doch bevor wir uns mit hörbaren Arten der Inszenierung von Gedichten beschäftigen…

Dichterinnenperformance Weltklang 2015 foto: gezett

Dichterinnenperformance Weltklang 2015 foto: gezett

…zum PERFORMANCE-Begriff:

Der Begriff Performance findet seine Anwendung wenn wir über Gegenwarts- und Anwesenheitsformate in den Künsten sprechen. Im alltäglichen Gebrauch spricht man von einer Performance, wenn Künstlerin und Publikum gleichzeitig bei einer aufführungsartigen Kunstaktion anwesend sind. (Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte leitet daraus die Theorie der leiblichen Ko-Präsenz ab, die den Performer-Publikums-Komplex beschreibt). Darüber hinaus wird mit dem Begriff auch häufig eine bestimmte Performer-Haltung oder ein Zusammenfließen aus Teilbereichen der Künste (etwa Literatur und Musik) verbunden. Einer Befragung des Publikums der Literaturwerkstatt Berlins zufolge sollte eine Performance ein gewisses „Mehr“ bieten, über abgegrenzte Formate hinaus „Ungewöhnliches“ zeigen und Improvisationen zulassen.

 

 

Aber decken sich diese Erwartungen auch mit den theoretischen Überlegungen, wie sie unter dem Stichwort Performance-Theorie betrieben werden?

Der Begriff des Performativen taucht Mitte des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Sprachphilosophie auf.  Hier dient er zur Beschreibung von performativen Sprechakten, also Sprechen, das auch als das Ausführen (engl. to perform, u. a. ausführen, vollziehen) einer Handlung begriffen werden kann. Auch auf dem Gebiet der Anthropologie kommt zur gleichen Zeit zu einem performative turn, mit dem die Performativität einer Kultur in den Vordergrund einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung gerückt wird.

Die Grenzen sprengenden Kunstaktionen von Künstlerinnen wie Marina Abramović Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts können mit den traditionellen Kategorien der Kunst und ihren Begrifflichkeiten nicht mehr ausreichend beschrieben werden. Auf den Bühnen, in den Aktionsräumen und auf den Straßen finden Formen von Kunst statt, die sich durch die Beteiligung des Publikums auszeichnen. Anstelle der Präsentation eines fertigen Werks tritt der Vollzug von Ereignissen in den Vordergrund, die durch das Einbeziehen von Zufälligkeiten und Improvisation einmaligen und flüchtigen Charakter besitzen. Die Performenden treten als sie selbst  auf. Ihre Handlungen und ihr Sprechen unterscheiden sich vom bloßen Spiel der Schauspielerinnen und Sprecher.

Ist damit das „Mehr“ und das „Ungewöhnliche“ gemeint, das bei einer Performance seitens der Zuschauer erwartet und erfahren wird?

Vielleicht ja, denn die Performance hebt die scharfen Trennlinien auf, die bei abgeschlossenen Werken zwischen Produzentinnen und Rezipienten und zwischen den einzelnen Kunstformen unterscheiden. Sie hinterfragt das Primat des Schriftlichen vor dem Mündlichen, des Fertigen vor dem Geschehenden und im Weiteren die Trennung von Theorie und Praxis und von Wirklichkeit und Kunst. Eingrenzende Schemata wie Originalität und Authentizität werden überdacht und gegebenenfalls durch Fragen an die ästhetische Erfahrung einer Inszenierung ersetzt.

Warum aber Poesie und Performance? Die Dichterlesung, stellt die Dichterin und Wissenschaftlerin Anja Utler fest, ist ein bislang eher vernachlässigtes Objekt performativer Reflexion. Aber ist nicht gerade hier ein Umgang mit dem Verhältnis von Stimme und Sprache, von Anwesenheit und Grenzverschiebungen Programm? Wie könnte diese performative Reflexion aussehen? Und welche Rolle spielen die Rezipientinnen dabei? Zu Utlers Untersuchungsgebiet Wahrnehmung gesprochener Gedichte werden wir am Donnerstag ein Interview veröffentlichen. Morgen geht es zunächst um den Vortrag der eigenen Gedichte – aus Sicht der Autorinnen.


Bislang haben wir uns anlässlich des UNESCO-Welttages der Poesie unter anderem mit Themen wie Poesie und Flucht, Poesie und Film, dem Übersetzen von Poesie und verschiedenen poetologischen Ansätzen beschäftigt. Wir haben uns die Arbeitsplätze der Dichter angesehen und nach historischen Auftritten von Dichterinnen gestöbert. Alle Beiträge zu den vergangenen Welttagen finden sich unter world-poetry-day.

2 Responses

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