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Poesie und Performance (3) – Keine Performance ohne Rezipierende

Posted in Anja Utler by lyrikline on 17. March 2016

poetry and p klien

Wenn von Performance die Rede ist, fällt das Scheinwerferlicht nicht nur im wörtlichen Sinne zunächst auf die Performenden. Während sie im Licht erstrahlen, sitzt das Publikum meist im Dunkeln und nimmt schweigend auf, was ihm präsentiert wird. Anja Utler gehört selbst zur Gruppe der Gedichtproduzierenden. Doch abseits vom eigenen dichterischen Schaffen geht die promovierte Slawistin auch Fragen nach, die sich beim Sprechen von Gedichten ergeben und beleuchtet dabei vor allem die Seite des Publikums. Aus der Arbeit an einem Forschungsprojekt, das sich mit den Eindrücken von Dichterlesungen beschäftigte, entstand eine ausführliche Publikation. Einige wichtige Erkenntnisse aus dem Buch “manchmal sehr mitreißend”. Zur poetischen Erfahrung gesprochener Gedichte (transcript Verlag, Bielefeld, 2016) hat sie im Interview mit uns noch einmal aufgegriffen.

>>>[a playlist for World Poetry Day 2016] talking to the audience

lyrikline – Interview mit Anja Utler vom 09.03.2016

Anja Utler aufnahme1_1_09_11_kl (Foto Tilman Grimm)

Anja Utler Foto: Tilman Grimm

 

Warum beschäftigen Sie sich mit der Erfahrung gesprochener Gedichte?

Nach meinen eigenen Lesungen sagen immer wieder Leute, sie hätten die Gedichte hören müssen, um sie zu verstehen. Viele Kollegen, auch in anderen Ländern, machen die gleiche Erfahrung. Das wirft Fragen auf, und ich fand diese Fragen spannend genug, um sie in einem Forschungsprojekt genauer anzusehen: Weisen diese spontanen Publikumsaussagen vielleicht tatsächlich auf den Kern der Sache hin? Gelingt der Übergang in poetisches Wahrnehmen und Verstehen vielleicht wirklich dann am besten, wenn man einer Stimme folgen kann wie einem Faden? Und warum?

 

In ihrem Buch “manchmal sehr mitreißend”. Über die poetische Erfahrung gesprochener Gedichte werden Rezipientinnenaussagen zu Dichterlesungen untersucht. Welche Reaktionen haben Sie überrascht?

Ich hatte befürchtet, dass viele Leute keine große Lust haben würden, nach einer Lesung aufzuschreiben, was beim Hören der Gedichte mit ihnen passiert ist. So war es aber nicht. Mich hat berührt zu sehen, wie wichtig es vielen Hörern war, ihre Wahrnehmungen exakt zu fassen. Das hatte etwas sehr Respektvolles, dem eigenen Erleben genauso wie den Autoren gegenüber. Und manchmal mündeten ihre Beschreibungen in Bilder, die selbst eine poetische Qualität haben.

Ganz und gar überraschend war für mich aber etwas anderes: Sobald jemand einen besonders intensiven Kontakt zu einer Lesung herstellen konnte, taucht immer wieder das Motiv auf, das Gehörte sei eigentlich gar keine “Lyrik” gewesen. Das sei “mehr” gewesen, vielleicht Malerei oder Musik oder überhaupt Kunst. Nun könnte man etwas sagen wie: “Ja, genau, so einen schlechten Ruf haben Gedichte in unserer Kultur – wenn etwas interessant ist und Freude macht, kann es keine Lyrik gewesen sein.” Ich glaube aber, darin steckt noch mehr.

Die gelingende poetische Wahrnehmung ist offenbar mit dem Wort “Sprache”, wie wir es im Alltag verwenden, nicht fassbar. Vielmehr tippen Gedichte die Gerüche, Klänge, Temperaturen der Wörter an – der sowjetische Psychologe Lev Vygotskij nannte das in den 1930er Jahren den “Sinn”, den Wörter für uns haben. Die Bedeutung ist für Vygotskij das, was auch in einem Wörterbuch stehen könnte. Der Sinn dagegen ist gewissermaßen das Fleisch eines Wortes, er ist alles, was wir mit dem Wort erlebt haben. Einerseits individuell – andererseits ist das die Voraussetzung für Kommunikation: Nur wenn ich aus meinem Sinnvorrat weiß, was der andere mit “verärgert” oder “verliebt” meinen könnte, können wir uns verständigen. Der Sinn speist die Bedeutung und umgekehrt, beide verändern sich über ein Leben hin. Die Rezipientenäußerungen bei unseren Lesungen deuten nun darauf hin, dass Gedichte diese individuelle Sinnsphäre aufrufen und in sie eingreifen. Damit würden die Gedichte eine Art gedanklicher Basisoperation vornehmen – und womöglich gelingt ihnen das im Hörbaren deshalb besonders gut, weil unsere sprachlichen Fundamente ja auch übers Hören gelegt worden sind.

 

Was würden sie sich für das Selbstverständnis der Rezipienten wünschen?

Ich wünsche mir für die Rezipientinnen von Gedichten vor allem eines: Selbstbewusstsein. Die Hörerin hat dem Gedicht gegenüber keine Bringschuld. Wir haben es mit einem offenen, großzügigen System zu tun: Wenn die Kontaktaufnahme gelingt, wenn ich das Gefühl habe, das Gedicht geht mich an (wie es der Literaturwissenschaftler Johannes Anderegg formuliert hat), dann ist bereits das passiert, was das Gedicht angestrebt hat. Dazu muss ich meine Erfahrung nicht in Worten wiedergeben können – und wenn ich doch von meiner Erfahrung sprechen möchte, muss das nicht die Form einer Nacherzählung oder “Analyse” des Gedichts annehmen, um für andere interessant zu sein.

 

Wie sollte das Verhältnis von Produzentin und Rezipientin idealerweise aussehen?

Ich glaube, die Produzentin ist für die Hörer vollkommen irrelevant. Auf der Bühne ist sie zwar die Vortragende, die den Text zur Verfügung stellt, und bestimmt ist sie dafür besonders kompetent. Aber prinzipiell könnte das eine andere Stimme auch. Die poetische Interaktion findet für mich ausschließlich zwischen einem konkreten Gedicht und einer konkreten Hörerin statt. Ich meine, es würde der Lyrik guttun, wenn es mehr Interesse an diesem rezeptiven Vergnügen gäbe als an den Produzenten. In meiner Idealvorstellung würde das dann sogar das Leben der Produzenten verbessern.

Übrigens waren die Rezipientinnen in unserem Projekt hier ganz anderer Meinung als ich: Sie waren praktisch geschlossen der Ansicht, es sei für ihre Wahrnehmung entscheidend gewesen, dass die Autorinnen ihre Texte selbst gesprochen hätten…

 

Was passiert, wenn eine Autorin ihren eigenen Text vor Publikum vorliest?

 Lyriklesungen sind formal meist unspektakulär. Aber gerade diese Reduktion bereitet offenbar die Bühne für eine ziemlich radikale Transformation. Die Zuhörer in unserem Projekt haben immer wieder davon gesprochen, es habe bei den Lesungen einen Übergang gegeben, eine Art Raumwechsel. Es scheint Folgendes zu passieren: Zuerst wird die Autorin als Person wahrgenommen, die einem etwas erzählt – da ist noch Alltag und nicht Gedicht. Sobald aber die Autorin als Dichterin spricht, verlässt sie dieses Paradigma: Dann sitzt da keine biografische Person mehr, die “sich ausdrückt”. Es spricht eine – wie Barbara Köhler sich im Rahmen des Projekts geäußert hat – “unprivate” Stimme. Und erst wenn die dichterische Stimme als “nicht privat” und übertragbar empfunden wird, sie aus einem Körper spricht, der viel mehr exemplarisch als biografisch-privat ist, öffnet sich das Gedicht für die Interaktion.

Die Rezipientinnen sprechen dann von einem “im Gedicht drin sein” und das meinen sie anscheinend ganz konkret. Weil das Gedicht nicht sagt “Und dann ist mir das passiert und hat mir das und das bedeutet”, sondern lediglich “Es gibt und bedeutet für jemanden etwas”, fehlt ein verbindlicher Bezugspunkt. Die Hörerinnen werden so dazu angeregt, das Gehörte auf sich selbst anzuwenden. Sie setzen sich selbst als möglichen Ankerpunkt ins Gedicht ein und fragen sich: “Was kann das für mich bedeuten?”. Die Rezipientenaussagen deuten darauf hin, dass das Gedicht erst dann und nur so “funktioniert”: Wenn das Gedicht spezifisch und eigen genug ist, nehmen es die Rezipienten als Material für eine Selbstansprache, die forschend und fragend, spekulierend und explorativ ist.

Und die nicht zuletzt deshalb möglich wird, weil Gedichte traditionell mit Anredefiguren arbeiten. Das tun sie auch heute noch – ungeachtet dessen, dass die “Ach!”- oder “Oh!”- Ausrufe in den Gedichten weniger geworden sind. Solche Anredefiguren aber lassen sich nicht in eine Erzählung umwandeln. Einige Literaturwissenschaftler weisen darauf hin, dass deshalb diese Besonderheit der Lyrik, die sie von allen anderen Gattungen unterscheidet, oft überlesen oder ignoriert wird. In einer Stimme dagegen lassen sich die Dinge nicht so einfach “überlesen” oder “überspringen”, die Stimme scheint imstande, den Reiz zum individuellen Nachvollzug so zu setzen, dass die Hörer ihm nachgeben.

 

Sie schlagen vor, die Lyriklesung als Objekt einer performativen Reflexion zu begreifen. Was verstehen sie darunter?

Über Lyrik wird oft so gesprochen, wie man auch über erzählende Literatur sprechen würde. Dann aber wirkt die Lyrik “unverständlich” oder “hermetisch”, wie eine “Privatsprache” o.ä. Hier kommt man offensichtlich nicht weiter; man erfährt so nichts über ein Gedicht, man erfährt nur, dass der Sprecher gedanklich auf einem wenig ergiebigen Feld unterwegs ist. Also muss man Vorzeichen finden, unter denen sich produktiver über Lyrik nachdenken lässt. Die Ansätze der performativen Ästhetik könnten da vielversprechend sein.

Denn als Zuhörerin einer Lesung bin ich in einen Prozess involviert. Für Gedichte ist typisch, dass sie – anders als viele Spielarten der Prosa – nicht von vornherein klarlegen, worüber nun genau gesprochen wird. Die poetischen Gegenstände erhalten ihre Konturen erst allmählich, in der Entfaltung des Gedichts. Als Hörende habe ich eher eine Position der Teilhabe, als der Übersicht, ich bin eher verwickelt, als dass ich distanziert beobachten könnte. Dafür muss ich aber auch keine Bedeutungen aus wohlerwogenen Gründen zuweisen, die Bedeutungen ereignen sich einfach, die Wörter und Wortverbindungen lösen etwas aus in mir, etwas Unvorhersehbares, einen emotionalen, körperlichen, intellektuellen Respons.

Solche Rezeptionsvorgänge werden auch in Untersuchungen zur performativen Ästhetik beschrieben. Z.B. von Erika Fischer-Lichte – ihre Gedankengänge liegen dem zugrunde, was ich eben gesagt habe. In der performativen Ästhetik spielen aber oft solche Aufführungen die wichtigste Rolle, die kaum von der Sprache abhängen. Ich meine nun, vergleichbare Prozesse finden auch in einer streng sprachgebundenen Form wie gesprochener Lyrik statt.

 

Das Verhältnis von stimmlichen und schriftlichen Erscheinungsformen von Texten ist historisch geprägt. Wo stehen wir heute?

Die westlichen Denktraditionen haben über die vergangenen Jahrhunderte die Schrift bevorzugt. “Schriftlich” hieß objektiv, nachprüfbar, heilig, schriftlich kommt man zu Erkenntnissen. Das Hörbare galt demgegenüber als unzuverlässig, vernachlässigbar. In manchen postmodernen Strömungen hat man diese Ausgangslage um eine hübsche Pirouette erweitert: Dort drehte man die Perspektive ein Stück, betonte den autoritären Anspruch auf Gehör und Gehorsam, den eine Stimme haben kann, und landete wieder bei einer unbedingten Bevorzugung des Schriftlichen.

Ich habe nun den Eindruck, dass solche pauschalen Auf- und Abwertungen bestimmter Medien seit einigen Jahren an Bedeutung verloren haben. In Europa organisieren und begleiten praktisch alle Menschen ihren Alltag mit schneller, funktionaler Schrift, und, im Gegenzug, Lektüre. Gleichzeitig hat auch praktisch jeder die Möglichkeit, Stimmen aufzunehmen und damit verfügbar zu halten. Unter solchen Bedingungen stößt einem fast zwangsläufig die Erkenntnis zu, dass “Schrift” und “Stimme” schlicht unterschiedliche Dinge können, fordern und ermöglichen, so dass eine simple Etikettierung als “wertvoll” oder “weniger wertvoll” sinnlos ist. Schließlich spielt eine Rolle, was gesagt oder geschrieben wird, und wie.

Mir scheint – oder ich hoffe – dass die Lyrik von diesem Trend zur Differenzierung profitiert. Es scheint sich herumzusprechen, dass “die Lyrik” als ganz spezifische Sprechform nicht nur weiterlebt, sondern dass es auch sehr unterschiedliche Arten von Gedichten gibt, und darüber hinaus, dass ich im Mündlichen schlicht etwas anderes erlebe als beim stillen Lesen. Dass jede konkrete Ausprägung von Sprache eine andere Art von Aktivität und Auseinandersetzung provoziert.

 

Welche Erwartungen können wir an gesprochene Gedichte stellen?

Eben, es gibt diese sehr unterschiedlichen Gedichte. Gewitzte, komische, solche, die unsere Freude am erlernten Bildungskanon ein bisschen massieren – und die sollen bitte genau das, was sie sich vorgenommen haben, dann auch machen. Das hat einen unterhaltenden, oft bestätigenden Wert. Ich finde es aber interessant, dass es für solche Gedichte nicht ganz so wichtig scheint, ob man sie nun hört oder still liest, das funktioniert beides.

Diejenigen Gedichte dagegen, die einen Raum für exploratives Denken, für Spekulation öffnen, brauchen das Mündliche stärker und von ihnen erhalten die Rezipientinnen offenbar sehr grundlegende Dinge: Andere Blickwinkel auf eigene Erinnerungen, Sätze für bislang Unbenanntes, Fragen, die die eigene Existenz betreffen, akutes Empfinden und Farbigkeit, Zweifel und Trost, auch Reibung, zuweilen inneres Aufbegehren. Als Echostruktur im eigenen Kopf geben solche Gedichte offenbar gute Sparring-Partner ab. Und das sollten sie auch.

 

Anja Utler auf lyrikline

Link zur Publikation “manchmal sehr mitreißend”. Zur poetischen Erfahrung gesprochener Gedichte”

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