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Petr Borkovec zur tschechischen Lyrik der letzten zwanzig Jahre

Posted in Autoren / poets, country portrait, Länderporträt, our network partners by lyrikline on 1. November 2017

Petr Borkovec (*1970) ist ein weit über Tschechien hinaus geschätzter Dichter. Wir kennen ihn, seit er 2004 als Gast des Berliner Künstlerprogramm des DAAD nach Berlin kam. Fast genauso so lange kann man seine Gedichte schon auf lyrikline hören; nun um 5 neue, 2017 aufgenommene Gedichte erweitert.

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Foto: Dirk Skiba

Petr organisiert in Prag die Lesungen des Café Fra und war u.a. Kurator der deutsch-tschechischen Lyrik-Reihe Im Hier und Jetzt des Goethe-Institut Prag. Er hat einen exzellenten Überblick über aktuelle Poesie und 2012 einen lesenswerten Essay zur tschechischen Lyrik der letzten 20 Jahre geschrieben, den es inzwischen auch in deutscher Übersetzung gibt. Wir danken unserem tschechischen Lyrikline-Partner für den Hinweis auf diesen Essay und dem Autor und dem Goethe-Institut Prag dafür, dass wir ihn hier veröffentlichen dürfen. (Den tschechischen Originaltext findet man unterhalb der deutschen Übersetzung.)


Die Begegnung mit den Arbeiten eines jungen Dichters lässt den Lyriker Petr Borkovec über die tschechische Lyrik der letzten zwanzig Jahre nachdenken.

Heute habe ich einen Brief mit Gedichten bekommen, von einem Autor, der 1990 geboren wurde. Die Gedichte sind, glaube ich, gut, einige sind mir sehr nahe, bestimmt werde ich was davon drucken. Der Dichter wurde in dem Jahr geboren, in dem ich mein erstes Buch veröffentlicht habe. Beide sind also gleichalt. Es wäre so schön, sage ich mir, wenn ich seine Lyrik überhaupt nicht verstünde, spüren würde, wie fern sie mir in jeder Hinsicht ist, und gleichzeitig von ihr fasziniert wäre, ihr verfiele. Doch das passiert nicht. Ich lese sie, wähle aus, sortiere, ordne, einige Gedichte lege ich beiseite. Entweder ist aus mir ein literarischer Routinier geworden (was wahrscheinlich ist) oder die tschechische Lyrik hat sich in den letzten zwanzig Jahren nicht allzu sehr verändert.
Ich weiß es nicht. Normalerweise denke ich darüber nicht nach.

Vor zwanzig Jahren…

Kein Dichter hat hier in diesen zwanzig Jahren literarisch Revolution gemacht und die tschechische Dichtung in eine unerwartete und unerforschte Richtung gewendet, das ist wahr. Aber wollte das jemand? Die neunziger Jahre waren vor allem darin gut, dass die neuen Dichter unter den alten Dichtern ihre Zwillinge und Vorläufer suchten. Dass jeder ein weiteres Glied in der Kette sein wollte. Dabei war diese Kette gar nicht so klar vorhanden, jeder schuf sie sich mühsam allein (quasi im Arbeitsprozess: die Texte, die gelesen werden mussten, häuften sich nur so, und sie waren so schön). Die Dichter hatten keine Zeit und waren etwas miesepetrig. Sie machten Texte aus dem, was sie lasen, und über das, was sie lasen. Sie blieben viel zu Hause im stillen Kämmerlein und in der Küche und waren froh, dass endlich niemand sie störte, dass niemand, der nicht zur Literaturszene gehörte, etwas Besonderes von ihnen wollte. Endlich. Wozu eine Revolution? Nachfolge, Elegie, Artistentum, Intimität. So viel in der Welt der Literatur verschwendete Demut, dass für die Realität keine mehr übrig blieb. Ich habe das geliebt.          Allzu viele gute Sammlungen sind damals nicht entstanden. Es wurden viele gute Gedichte geschrieben, es wurden Grüppchen gebildet, Dichter schrieben Bannschriften gegen andere Dichter, es entstanden ein paar Manifeste, in den Literaturzeitschriften ging es lebhaft zu und sie reflektierten sich gegenseitig nicht allzu sehr, wenn, dann in rauer Weise – man hatte wirklich keine Zeit, die Suche nach Wurzeln und Vorbildern kostet Nerven.
Dafür ging viel Zeit ins Land (zehn, vielleicht fünfzehn Jahre), doch heute sind die tschechischen Dichter gelassener. Auch diejenigen, die meinen, die Dichtung sei wegen dem, was ich beschrieben habe, in eine Patt-Situation geraten und zu sehr mit sich selbst befasst, und die einen Weg zurück in die außerliterarische Welt suchen (sie nennen das „Engagement“), sind alles in allem entspannt. Insgeheim wissen sie selbst, dass ihr Weg nicht der einzig mögliche ist (auch wenn sie mitunter so tun, als ob). Wir haben jetzt so einen natürlichen Zustand erreicht: jeder macht seins, interessiert sich aber auch für die anderen und ist freundlich. Gerade aus dieser Gelassenheit und Aufmerksamkeit gegenüber anderen Zugängen und Ausdrucksweisen könnte etwas radikal Neues entstehen, vielleicht sind wir jetzt, im Jahre zwölf, kurz davor.
Ich selbst glaube daran und genieße das.

…und heute

Ich denke, die tschechische Lyrik ist im Jahr 2012 wirklich besser dran als je zuvor. Observatoren neben Rhetorikern, linguistische Dichter direkt neben Melancholikern, Metaphoriker in der Nähe von Situationsdichtern, Postsurrealisten unweit von Dichter-Journalisten, Provinz-Existenzialisten und dicht bei ihnen Konzeptminimalisten. Selbst zwischen Internetlyrikern und gedruckten Dichtern besteht nicht so ein Graben, wie mancher denkt. Überhaupt nicht. So viele poetische Wege und Strategien nebeneinander und jede bringt erstklassige Gedichte und ganze Gedichtsammlungen hervor (darum habe ich die polnische Lyrik immer beneidet). Die Dichter positionieren sich nicht mehr um jeden Preis und immer öfter kann man sie weder da noch dort einordnen. Man hat genug Zeit, es gibt Raum für Begegnungen und zum gegenseitigen Zuhören (Literarturcafés, Lesezyklen, Festivals, öffentliche Debatten etc. – all das hat sich in den letzten zehn Jahren in Tschechien sehr verfeinert; die Literaturzeitschriften haben an Einfluss verloren, sind aber in der Szene geblieben). Man hat Lust, miteinander zu reden, und Lust, vor Lesern über seine Arbeit zu sprechen und über sie zu schreiben (die jungen Dichter tun das relativ gern und immer klarer und überzeugender). Die guten neuen Zeiten der tschechischen Lyrik zeigen sich auch im sichtlich steigenden Niveau dichterischer Debüts. Und darin, dass lebendige Dichterlesungen sich eines immer größeren Publikumsinteresses erfreuen. Sie werden von denselben Leuten besucht wie progressive Theatervorstellungen, was vor zehn Jahren kaum denkbar war. Zum Dritten wird von jungen tschechischen Dichtern auch mehr Lyrik übersetzt. Ich bin guter Dinge.          Es sind noch keine Namen gefallen. Hier wenigstens ein paar: Petr Halmay, Štěpán Nosek, Jaromír Typlt, Marek Šindelka, Petr Hruška, Pavel Petr, Jakub Řehák, Ondřej Buddeus, Kamil Bouška, Jonáš Hájek, Kateřina Rudčenková, Marie Šťastná, Olga Peková, Vít Janota, David Voda, Adam Borzič, Ladislav Puršl, Martin Langer, Josef Hrdlička, Viktor Špaček, Pavel Ctibor und so weiter. Und so weiter.”

Autor: Petr Borkovec / Übersetzung: Ilka Giertz

Andere informative Texte zur tschechischen Poesie finden sich u.a. bei CzechLit (en).

——–

“Dnes jsem dostal zásilku básní

Setkání s tvorbou nového básníka vede Petra Borkovce k zamyšlení nad českou poezií posledních dvaceti let.

Dnes jsem dostal zásilku básní od autora, který se narodil v roce 1990. Ty verše jsou myslím dobré, některé jsou mi velice blízké, určitě z nich něco otisknu. Básník se narodil v roce, v němž jsem vydal první knížku. Jsou oba stejně staří. Bylo by tak pěkné, říkám si, kdybych jeho poezii vůbec nerozuměl, cítil, jak je mi ve všech směrech vzdálená, a zároveň jí byl fascinován, propadal jí. Ale to se neděje. Čtu ji, vybírám, třídím, řadím, některé básně nechávám stranou. Buď se ze mě stal literární rutinér (což je pravděpodobné), nebo se česká poezie za poslední dvacet let příliš neproměnila.
Já nevím. Obvykle o tom nepřemýšlím.

Před dvaceti lety…

Žádný básník tu za těch dvacet let neudělal literární revoluci, neobrátil české básnictví nečekaným a neprozkoumaným směrem, to je pravda. Ale chtěl tohle někdo? Devadesátá léta byla nejlepší v tom, jak noví básníci hledali mezi starými básníky své předchůdce a blížence. Jak každý chtěl být další článek řetězu, a přitom ten řetěz nebyl zřetelný, každý si ho pracně („za pochodu“; ty texty, které bylo třeba přečíst, se jen valily a byly tak krásné) tvořil o samotě. Básníci neměli čas a byli trochu nevrlí. Psali texty z toho, co četli, o tom, co četli, zůstávali hodně doma v pokoji a v kuchyni, a byli rádi, že je konečně nikdo neruší, že po nich nikdo, kdo nestojí uvnitř literárního kruhu, nic zvláštního nechce. Konečně. Jakápak revoluce? Pokračování, elegie, artistnost, intimita. Tolik pokory vyplácané v literárním světě, že pro reál už žádná nezbyla. Miloval jsem to.           Tehdy nevzniklo příliš mnoho dobrých sbírek, napsalo se hodně dobrých básní, skupinkařilo se, básníci psali odsudky jiných básníků, vzniklo pár manifestů, kolem literárních časopisů to docela žilo a vzájemně se příliš nereflektovaly, když tak drsně – vážně, nebyl čas, hledání vzorů a kořenů jsou nervy.
Spotřebovalo se na to hodně času (deset, možná patnáct let), ale dnes už jsou čeští básníci klidnější. I ti, kteří se domnívají, že poezie se kvůli tomu, co jsem popsal, dostala do patové situace a příliš se zabývá sama sebou, a hledají cestu zpátky ke světu mimo literaturu (říkají tomu „angažovanost“), jsou celkem klidní. Sami vskrytu vědí, že jejich strategie není jediná možná (i když se někdy tváří, že je). Máme nyní takový přirozený stav, každý si dělá své, ale zajímá se o druhé a je přátelský. Právě z tohoto klidu a pozornosti k odlišným přístupům a výrazům by mohlo vzniknout něco radikálně nového, možná jsme, teď, v roce dvanáct, těsně před.
Sám tomu věřím a užívám si to.

…a dnes

Myslím, že česká poezie v roce 2012 je na tom opravdu líp, než kdy jindy. Observátoři vedle rétoriků, lingvističtí básníci těsně u melancholiků, metaforici v blízkosti situačních básníků, postsurrealisté blízko básníků-žurnalistů, venkovští existencialisté a při nich konceptuální minimalisté. Ani mezi internetovými a tištěnými básníky není taková propast, jak si někteří myslí, vůbec ne. Tolik básnických strategií a způsobů vedle sebe a každá má své prvotřídní básně i celé sbírky (tohle jsem vždycky záviděl polské poezii). A básníci si nedrží pozice za každou cenu a stále víc jich nezařadíte ani tam, ani jinam. Je docela čas, jsou prostory ke schůzkám a vzájemnému poslouchání (provoz básnických kaváren, cykly čtení, festivaly, veřejné debaty atd., tohle všechno se za posledních deset let v Čechách ohromně vytříbilo; literární časopisy oslabily vliv, ale zůstaly na scéně). A je chuť spolu mluvit a chuť mluvit o své práci před čtenáři, psát o ní (mladí básníci to dělají docela rádi a stále zřetelněji a přesvědčivěji). Dnešní dobré časy české poezie se projevují i tak, že viditelně stoupá úroveň básnických debutů. A také tím, že živé básnické čtení, se těší stále většímu posluchačskému zájmu. Chodí stejně lidí jako na progresivnější divadelní představení; to před deseti lety nebylo myslitelné. A do třetice tím, že mladí čeští básníci víc poezii překládají. Mám dobrou náladu.                                           Nepadla žádná jména. Tak alespoň pár: Petr Halmay, Štěpán Nosek, Jaromír Typlt, Marek Šindelka, Petr Hruška, Pavel Petr, Jakub Řehák, Ondřej Buddeus, Kamil Bouška, Jonáš Hájek, Kateřina Rudčenková, Marie Šťastná, Olga Peková, Vít Janota, David Voda, Adam Borzič, Ladislav Puršl, Martin Langer, Josef Hrdlička, Viktor Špaček, Pavel Ctibor a tak dál. A tak dál.”

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