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Poetry and Performance (2) – Reading and Recording

Posted in Carolin Callies by lyrikline on 16. March 2016

poetry and p klien

 

Poets that read their own poetry seem rather normal to us – but what exactly is happening in the moment of such a presentation? When we asked German poets Carolin Callies about her experiences the answer was quite surprising: Whenever she finishes a poem it develops a certain independence and distance to its own creator. Accessing the poem in a state of completion becomes a theatric act that can also include a different set of voices or attitudes.

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Carolin Callies Foto: Timo Volz

 

>>>  [a playlist for World Poetry Day 2016] studio highlights

 

On the other hand listening to a poet often develops closeness between the performer and the audience. Besides the individual differences in tone and voice the phonetic and rhythmic aspects of poetry suddenly appear. Rhymes, assonances and alliterations unfold their effects, verses and structures become audible compositions. Recordings can tell us about all kinds of aspects: How does the poet approach her reading? What atmosphere and intensity does she create? Where does she place the breaks, which lines are being stressed? Does she follow the original text or is she being drawn into the process?

lyrikline allows us to share this moment with hundreds of poets and listen to our favorite poems again and again.

But what does it mean when an author reads her own poems? And what about the relations between poem, author and audience? The following sketches two positions demonstrating the differences of an understanding of poetry.

A common point of view can be summarized by the following statements:

>> The written poem is a completed art work and therefore is unchangeable.
>>Every presentation of the poet is an interpretation that refers to its original.
>>The author holds a special intention that she can work out with the means of her presentation.
>>The meaning of poem can be understood best, when the author presents it, because she will interpret it correctly.

A performative approach however considers the process of the presentation already as an own artistic event.

>>A poem is not a written text but its performance. Its realization happens in the process of writing and reading.
>>The reading itself with all its coincidences and transformations is to be taken seriously. Time and space are part of the aesthetical experience.
>>This means that the signification of a poem is not firm but depends on the context. Enactments replace interpretations. The reference to an original is not necessary. An enactment imposes its own standards.
>>It is not required that the audience tries to understand the intention of the author. Its own aesthetical experience is basis of their own involvement.

Whether it is the listening to a live reading or to a recorded playlist on lyrikline: The voice of the author makes a difference. But how we perceive the result depends on our understanding of poetry that apart from the given examples can be individually cultivated.

 

Carolin Callies on lyrikline

 

 

Poesie und Performance (2) – Lesungen und O-Töne

Posted in Carolin Callies, Uncategorized by lyrikline on 16. March 2016

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Dass Autorinnen ihre Gedichte vorlesen erscheint uns als Selbstverständlichkeit – doch was passiert eigentlich in dem Moment in dem eine Dichterin ihre eigenen Texte einem Publikum vorliest? Wir begleiten Carolin Callies bei der Lesung ihrer Gedichte im Tonstudio der lyrikline und auf der Bühne der Literaturwerkstatt Berlin.

>>>  [a playlist for World Poetry Day 2016] studio highlights

 

Im Vortrag bekommt der Zuhörer jenseits der individuellen Stimm- und Klangfarbe der Dichterin noch sehr viel mehr zu hören. Hier werden die klanglichen Aspekte eines Gedichtes transportiert, seine lautlichen Bezüge und rhythmischen Strukturen. Reime, Assonanzen und Alliterationen entfalten ihre ganze Wirkung, strengere Strophen- und Gedichtformen geben ihren Aufbau hörbar preis. Der O-Ton einer Dichterlesung beinhaltet viele spannende Aspekte, in die man sich hörend vertiefen kann: Wie geht der Dichter seinen Gedichtvortrag an? Was lässt er mitschwingen, was bringt er an Stimmung, Intensität und Pathos mit ein? Wie setzt er die Pausen, wo den Spannungsbogen? Wo folgt der Dichter seinem Ausgangstext, wo überlässt er sich dem Textfluss, wo gerät er ins Stocken, wo kontrastiert er ihn vielleicht? Insbesondere auf lyrikline, wo das Hören einer Dichterstimme zu einem ganz intimen Moment werden kann, lassen sich die angesprochenen Aspekte nachhören und wiederholen, so oft man will.

Was passiert aber mit dem Gedicht, wenn es durch seine Autorin vorgelesen wird?  Die folgenden Sichtweisen demonstrieren, wie unterschiedlich ein Verständnis von Lyrik sein kann.

Ein weit verbreitetes Verständnis des Verhältnisses von Gedicht, Autorin und Publikum lässt sich auf folgende Aussagen reduzieren:

>> Das geschriebene Gedicht ist ein abgeschlossenes Werk und unveränderlich.
>> Jeder Vortrag des Gedichts ist eine Interpretation, die von einem Original ausgeht.
>> Der Autor hatte eine bestimmte Intention, die er durch die Mittel des Vortrags herausarbeiten kann.
>> Das Gedicht kann durch den Vortrag des Autors besser verstanden werden, weil dieser es seiner Intention entsprechend richtig interpretiert.

Ein performativer Ansatz dagegen begreift sowohl den Entstehungsprozess eines Gedichts als auch das Ereignis des Vortrags als etwas, dem man schon einen eigenen künstlerischen Charakter zuweisen kann:

>> Das Gedicht ist nicht der niedergeschriebene Text, sondern realisiert sich allein im Vorgang des Schreibens, des Lesens und des Vorlesens.
>> Die Lesung selbst ist mit all ihren Zufälligkeiten und Abläufen ernst zu nehmen. Raum und Zeit gehören zur ästhetischen Erfahrung dazu.
>> Damit ist die Bedeutung des Gedichts nicht fest, sondern situationsabhängig. Statt Interpretationen lassen sich Inszenierungen feststellen, die sich auf kein eigentliches Original mehr beziehen. Was eine gute Inszenierung ausmacht legen ihre eigenen Maßstäbe fest, die immer wieder neu verhandelt werden müssen.
>> Die Rezipientinnen müssen nicht länger versuchen zu verstehen, was der Autor eigentlich sagen wollte. Ihr eigenes ästhetisches Erleben des Gedichts ist der Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung.

Das Entscheidende sowohl bei einer Live-Lesung als auch beim Anhören einer Playlist auf lyrikline ist, dass die Autorin selbst liest. Dass dies zwangsläufig die beste Weise ist ein Gedicht zum Sprechen zu bringen, ist jedoch keine Selbstverständlichkeit, sondern hängt von dem individuellen Verständnis von Lyrik ab, das sich neben den vorgestellten Positionen natürlich auch noch in ganz anderen Weisen zusammensetzen kann.

 

Carolin Callies  auf lyrikline