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Laudatio zum Peter-Huchel-Preis 2013 an Monika Rinck

Posted in Autoren / poets, Insa Wilke, Monika Rinck by Heiko Strunk on 12. April 2013
Monika Rinck, Foto: privat

Monika Rinck, Foto: privat

Am 3. April 2013 hat die Berliner Lyrikerin Monika Rinck den diesjährigen Peter-Huchel-Preis erhalten.  Ausgezeichnet wurde ihr Band “Honigprotokolle”, erschienen bei Kookbooks, als herausragende Neuerscheinung des Jahres 2012.
Verliehen wird der mit 10.000 Euro dotierte Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk.

Wir haben aus diesem Anlass einige Gedichte von Monika Rinck neu auf lyrikline eingestellt, u.a. Gedichte aus dem Band “Honigprotokolle”, und präsentieren hier nun die sehr schöne Laudatio, die Insa Wilke auf die Autorin gehalten hat.

More than honey, honey!

Laudatio auf Monika Rinck und ihren Gedichtband „Honigprotokolle”

Von Insa Wilke

Erdnussbutter. Marshmallow-Fluff. Norderney-Schinken. Karamell-Käse. Vegane Mandel-Creme und Cashewkern-Mus. All diese verspielten Dekadenz-Delikatessen, meine verehrten Damen und Herren, stelle ich mir deutlich auf Ihrem Frühstückstisch vor, den Sie vor wenigen Stunden verlassen haben. Honig, diese uralte Speise der Götter und Dichter, von Insekten hergestellt, die als einzige unverwandelt aus dem Paradies in unsere Welt übergesiedelt sein sollen, Honig ist ja völlig aus der Mode gekommen.

Ich habe also nur geringe Hoffnung, dass Sie sich am Gründonnerstag Honig zwischen die Finger gerieben haben. Das hätte Sie in diesem Jahr vor Krätze bewahrt und vor Eselsohren, die Ihnen nun unweigerlich wachsen werden. So steht es im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, dem man allerdings erstens nicht glauben muss und dessen Ratschläge mir zweitens – es sei Ihr Trost – auch nichts genützt haben.

Mir waren die Eselsohren nämlich schon lange vor Ostern und trotz Honig gewachsen. Genauer gesagt: während der Lektüre von Monika Rincks „Honigprotokollen”, die mich dazu brachte, ebenjenes Handwörterbuch zu konsultieren. Nicht unbedingt, um Rätsel zu lösen, sondern eher, weil ich infiziert war von den Echo- und Bildräumen, die Rincks Protokolle ganz gegen den Gattungstrieb nicht festschreiben, sondern in Bewegung bringen. Monika Rinck gehört ja zu jenen raren Dichterinnen, die unermüdlich zum Spiel einladen.

Erdnussbutter also beiseite, Honig her: Was will man mehr von der Literatur als dass sie einem Eselsohren aufsetzt, noch dazu mit Honig bestrichene? Dass sie einen herausfordert, zum Spiel einlädt, dumm da stehen lässt, unauflösbar irritiert, im Innersten berührt und in die Ratlosigkeit treibt, also mit den Worten Ann Cottens das mühsame Unterfangen auf sich nimmt, die eingerasteten Rezeptionsvorgänge unkooperativer Rezipienten zu manipulieren, auf dass man die vergrößerten Ohren aufsperre und lausche: einem Gedicht aus den „Honigprotokollen”.

Himmelshärte

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle. Eine Halbwelt aus Blaulicht.
Ist das Luft oder Wand? Stumme Vögel, Amselattrappen, ja Spatzen,
in Kunstharz und Härter gebannt, in durchsichtige Würfel gegossen.
Fast wollte man heulen. Oder an Vogel statt zwitschern und hüpfen.
Doch noch liegt auf dir ein schwerer Schlaf und nur dein Traum weiß
von den ändern. Er denkt es dir, zum Beispiel: Was ist ein Regal?
Etwas gezielt hineinzutun, mit einer Hand, die sicher ist und flink.
Weil es dorthingehört, ein Übergriff, so passgenau, dir schaudert.
Jetzt liegst du wach in deinem Zelt aus Geld und willst für alles zahlen.
Bleib hier, erwarte das Ende der Wand. Ziere die Kanten des Tages
mit Schlummer, nein schlimmer noch, flechte dir den Kitsch ins Haar.
Aber schau, das verletzliche Leben am Morgen ist doch nicht nichts!
Kein falsches Wort, aufstehn, aus dem Fenster sehn, wie eine Halbwelt
aus Blaulicht sich aufhellt, da! Ein Aurorafalter landet, zittert, explodiert.

Buchcover "Honigprotokolle", Gestaltung: Andreas Töpfer, Berlin

Buchcover “Honigprotokolle”, Gestaltung: Andreas Töpfer, Berlin

„Für Liebhaber einfacher Lösungen” ist ein solcher Text nichts. Glücklicherweise scheint er es nicht aufs Verstandenwerden anzulegen. Merkwürdigerweise versetzt er gerade, weil man gezwungen wird, das Kausalitätsprinzip zu verlassen und die Sprünge von den stummen Vögeln zum Regal zum Kitsch hinzunehmen und sich zwischen Ernst und Ironie zu verlaufen, gerade deswegen also versetzt dieser Text, nennen wir ihn Gedicht, plötzlich eine Saite unbestimmten Verstehens in Schwingung. Die „Honigprotokolle” gleichen dadurch einer Partitur ohne Noten. Wir Lesenden sind die Instrumente. Nach uns die Deutung. Willkommen also in Rincks Oktaeder! Der Eintritt ist frei, der Austritt hat seinen Preis, denn für eine Weile wird man danach auf dem Kopf gehen müssen und mit den nackten Füßen im Himmel zappeln. Andererseits muss zugegeben werden, dass Monika Rinck uns keineswegs „eisige Abstraktionsschauder” über den Rücken schickt. Sie dichtet konkret und nah an Situationen und Reflexionen, die jeder kennen kann. Oder ist es nicht eine „Himmelshärte”, eine Strafe der Götter, dass man sich jeden Morgen aufs Neue dem Schlaf aus den Armen winden muss? Selbstironie hin oder her bleibt es doch eine der schönsten Metaphern für den Schlaf am Morgen, wenn eine fremde Instanz wie bei Rinck fordert: (more…)